Visionen
Gehirn
Kultur
Entheogen

Events

 
Previous
Next

Audiovisuelle Transzendenz mit Buddhismus

By: Tina TimeWaveZero
Gepostet am 15.05.2012 in Events, Psyche und Gehirn

1964 verfassten Prof. Timothy Leary, Dr. Richard Alpert und Dr. Ralph Metzner (Universität Harvard) das Handbuch „ Die psychedelische Erfahrung“, das als Praxisbegleiter in die Welt der transpersonalen Zustände einführt und als Klassiker der psychedelischen Literatur gilt. "The psychedelic experience" greift auf das Tibetanische Totenbuch Bardo Thödol zurück, das die buddhistischen Konzepte über Transzendenz-Erfahrung und Wiedergeburt beschreibt.

2008 hat Time Wave Zero TV eine audiovisuelle "Neuauflage" des psychedelischen Reiseführers  als  Abschluss-Zeremonie des internationalen psychedelischen Symposiums "Bewusstseinswandel des 21. Jahrhunderst"   realisiert .  Die Bardo-Stufen des tibetanischen Totenbuchs und die dazugehörenden Symbole und Archetypen  wurden in Visuals und Musik "übersetzt" und auf Basis der wissenschaftlichen Theorien von C.G.Jung und Stanislav Grof weiterentwickelt .

 

Das Handbuch von Leary,  Alpert und  Metzner baute auf wissenschaftlichen Ergebnissen der LSD-Psychotherapie-Forschung in den 50er Jahren und bezog die Dimension religiöser Erfahrung als Therapiefaktor ein. Der Text diente in den 60er Jahren als Grundlage für Lesungen, die in psychedelischen Therapie-Sitzungen stattgefunden haben.

   
„Wenn das Handbuch mehrmals vor einer Sitzung gelesen wird und wenn eine Vertrauensperson da ist, um das Gedächtnis des Reisenden während der Erfahrung aufzufrischen und sie/ihn zu erinnern, dann wird das Bewusstsein von den Spielen, die die „Persönlichkeit“ ausmachen, befreit werden und auch von den positivnegativen Halluzinationen, die oftmals die Zustände erweiterten Gewahrseins begleiten.“

Auszug vom Handbuch „Die psychedelische Erfahrung“


  

Das Handbuch stellte eine psychedelische  „Landkarte“ des Bewusstseins  dar und war damals zusammen mit Leary's späteren Theorien der acht neuronalen Schaltkreise ein vorläufiges Modell der Gehirnforschung , das in die neuen inneren Terriotorien der modernen Wissenschaft einführte.  Aus den Theorien von Leary gignen später die Bewusstseinsmodelle von Ken Wilber und anderen transpersonalen Psychologen hervor, die  heute bei vielen Vertretern der Neuen Spiritualität als umfassender theoretischer Rahmen für ihre jeweilige Praxis fungieren.



Die visuelle Reise , die von Tina Stamatova (Time Wave Zero TV) für die Abschluss-Zeremonie der internationalen Konferenz "Bewusstseinswandel des 21. Jahrhunderst" 2008 entwickelt wurde,  umfasste zwölf Stunden Animationen, Projektionen von Textpassagen des Handbuchs, Einblendungen von Archetypen und Symbolen, Farbenspiele, 3D, Fraktale, heilige Geometrie und VJ-Loops mit Einblendungen von klassischer psychedelischer Kunst. Die theoretische Basis für die Entwicklung des  visuellen Konzeptes lieferten die Pioniere der transpersonalen Bewusstseinsforschung ,Carl Gustav Jung mit seiner Archetypen-Lehre und Stanislav Grof mit seiner Theorie der perinatalen Geburtsmatrizen. Im folgenden werden diese zwei Theorien kurz dargestellt und ihre Bedeutung für die Erarbeitung des visuellen Konzeptes  erläutert.

Abbildung: Plan für die musikalische Begleitung der audiovisuellen Reise

 

Der psychedelische Reiseführer und die Archetypen von C.C.Jung


Im transpersonalen Reich erleben wir eine Erweiterung oder Ausdehnung unseres Bewusstseins weit über die Grenzen des Körpers, des Ichs, der individuellen Biographie, der physischen Beschränkungen der Realität und des Alltagskonzepts von Raum und Zeit.

Zu den Erfahrungen im transpersonalen Reich gehören Nahtoderlebnisse, außerkörperliche Erfahrungen, Außersinnliche Wahrnehmung, Parapsychologie, Erinnerungen an Reinkarnation und frühere Leben, spiritistische Erfahrungen, Kontakte mit Verstorbenen oder mit körperlosen Wesenheiten,  Identifikation mit Gruppenbewusstsein bzw. mit dem planetarischen Bewusstsein, Begegnung mit Tiergeistern oder Identifikation mit Tierarten, Identifikation mit toter Materie und anorganischen Prozessen, Begegnung mit Geistführern und Ahnen, Synchronizitäten, Erfahrungen des kosmischen Bewusstseins.


Einer der ersten Bewusstseinspioniere, die sich der wissenschaftlichen Erforschung des transpersonellen Bereiches gewidmet haben, war der Schweizer Psychiater C.G.Jung.  Er hatte seinerzeit bereits einen Versuch gemacht, das Tibetische Totenbuch für seine Archetypenlehre zu verwenden und einen eigenen kommentierten Band dazu herausgebracht. Jung  bezeichnete das Tibetische Totenbuch als einen ständigen Begleiter, der ihm viele Ideen und Einsichten in das „Geheimnis der menschlichen Psyche“ gewährt habe.


Die Archetypen der Mythologie und der eschatologischen Texte (Totenbücher) sind grundlegende organisierende Prinzipien im Kosmos, die auf unser Leben einwirken. Sie sind universal und überschreiten historische, geographische und kulturelle Grenzen. Einige mythologische Gestalten sind Variationen universale Archetypen, die für eine bestimmte Kultur oder Religion eine besondere Bedeutung haben – z.B. Jesus Christus für die Christen, Avalokiteshvara für die Buddhisten, oder Krishna für die Hinduisten. Aufgrund der Universalität dieser Archetypen, beschränkt sich die Arbeit mit bewusstseinserweiterten Zuständen nicht zwingend auf die Variationen der eigenen Kultur. Auch das tibetanische Totenbuch ist eine Landkarte für transpersonale Reisen, die sich nicht auf die tibetanischen Gottheiten und Symbole beschränkt, sondern auch mit Variationen erweitert werden kann.

Die Gestalten und Symbole des tibetanischen Totenbuchs sind für die meisten Menschen des Westens fremd und ungewohnt. Die gleichen universalen Archetypen erleben westliche Menschen in Formen, die ihnen entsprechend ihrer kulturellen Prägung vertraut sind.  Bei dieser Reise kommt es nicht darauf an, dass die Visionen die konkrete Gestalt der tibetanischen Gottheiten annehmen, sondern wie sich ein Mensch dazu verhält.

„ Die Gestalt ist lediglich ein Bezugspunkt für den Übenden, der in der Lage ist, sich auf die Energie, die Leuchtkraft und die Qualität der Vision einzustimmen“
Sogyal Rinpoche

Das tibetanische Totenbuch personifiziert Bewusstseinszustände als engelhafte und dämonische Wesenheiten mit unterschiedlichen Gewändern, Farben, Schmuck und Kostümierung. Die personifizierte Barmherzigkeit ist z.B. die leuchtende Gestalt des Boddhisatva Avalokiteshvara, Angst wird zu einem sechsarmigen, blutriefenden Kriegsdämon. Diese personifizierten Gestalten sind westlichen Menschen im Vergleich zu tibetanischen Mönchen nicht vertraut. Die betreffenden Bewusstseinszustände lassen sich für westliche Mentalität besser als reine Liebe bzw. Symole der Barmherzigkeit, Weisheit, Furcht, Eifersucht, Neid, etc. beschreiben.

„Ob sie in tibetischem Gewand oder in den vertrauten Bildern unserer eigenen kulturellen Prägung erscheinen, wir empfinden dennoch Anziehung oder Abneigung gegenüber diesen Bildern, die unsere Imagination projiziert“.

Sogyal Rinpoche

Für die visuelle Arbeit mit dem psychedelischen Reiseführer bedeutet das, dass wir ein breites Spektrum an Symbolen, Archetypen-Variationen und Gestalten haben, mit denen wir die betreffenden Projektionen realisieren können.

Die psychedelische Erfahrung und die Bardo-Stufen nach Stanislav Grof


Der Psychiater und Psychotherapeut Dr. Stanislav Grof gilt als einer der Begründer der transpersonalen Psychologie und verfügt über 50 Jahre Erfahrung mit psychedelischer Psychotherapie. Im Laufe der vielen von ihm geleiteten therapeutischen Sitzungen entdeckte Grof Erfahrungsmuster der Tod-Wiedergeburt-Sequenz, die er perinatale Matrizen nannte. In der Medizin beschreibt der Begriff „perinatal“ die biologischen Prozesse kurz vor, während oder direkt nach der Geburt.

Perinatale Phänomene treten in vier unterschiedlichen Erfahrungsmustern auf, die Stanislav Grof perinatale Grundmatrizen nennt (basic perinatal matrices). Die vier Matrizen entsprechen vier aufeinanderfolgenden Phasen der biologischen Geburt, die jeweils durch bestimmte Emotionen und physische Empfindungen charakterisiert sind und mit spezifischen symbolischen Bildern assoziiert sind. Bei seiner Arbeit mit veränderten Bewusstseinszuständen konnte Grof  Tausende von Menschen beobachten, die den perinatalen Erfahrungsbereich betreten konnten und dabei detaillierte Erinnerungen an das Trauma der biologischen Geburt erhalten haben. Diese Erinnerungen stellen individuallisierte psychospirituelle Pläne dar, die auf einer tiefen zellulären Ebene gespeichert sind und die Art, wie wir unser Leben erleben, beeinflussen – sowohl psychopathologisch als auch als widerspeigelte Projektionen und Konstruktionen im Bereich Religion, Kunst, Philosophie, Politik, etc.


1.    Grundmatrix nach Grof : Das amniotische Universum

Auf der Ebene der ersten Grundmatrix erlebt der Fötus die absolute Vollkommenheit und Seligkeit des Mutterleibs.  In der Gebärmutter sind die Bedingungen für das Baby nahezu ideal, es gibt Sicherheit und Schutz. In erweiterten Bewusstseinszustände berichten viele Menschen von einem ozeanischen Zustand, der mit fötaler Erfahrung in Symbiose mit dem Mutterleib zu tun hat. Andere haben das Gefühl schwerelos im Raum zu schweben und an das Mutterschiff angeschlossen zu sein. Viele befinden sich in überirdischen Reichen oder Paradiesgärten aus den Mythologien verschiedener Kulturen der Welt.


Die erste Grundmatrix beinhaltet ozeanische Ekstase, Frieden, Gelassenheit, Seligkeit und weist einen wichtigen spirituellen Aspekt der kosmischen Einheit auf, den C.G.Jung mit dem Begriff „numinos“ beschrieben hat. Die Essenz dieses Zustands ist unaussprechlich und unbeschreiblich. Es handelt sich um einen ich-losen Zustand, friedliches Dahinschmelzen aller Begrenzungen, einen Zustand des Einswerdens, bei dem wir Raum und Zeit transzendieren, uns  mit einer allumfassenden unpersönlichen universellen Energie identifizieren und die Leere als endgültige Wahrheit voller Form begreifen.

 

2.    Grundmatrix nach Grof: Vertreibung aus dem Paradies

Die biologische Basis der zweiten Grundmatrix ist die Vertreibung aus der Gebärmutter und die Begegnung mit den darauffolgenden Kontraktionen.  Der in dieser Phase noch geschlossene Gebärmuttermund  schafft eine schmerzhafte und lebensbedrohliche Umgebung, in der der Fötus keine Fluchtmöglichkeit findet und das Gefühl hat, in einer feindlichen Welt gefangen zu sein.

In erweiterten Bewusstseinszuständen entwickeln sich in der zweiten Grundmatrix Visionen eines gigantischen Strudels, in dessen Zentrum man erbarmungslos hinabgezogen wird. Die Athmosphäre entspricht einem apokalyptischen Ereignis, das die ozeanische und kosmische Einheit des Mutterleibs zerstört und in qualvolles Gefangensein verwandelt. Der Reisende befindet sich an einem apokalyptischen Ort von Schrecken, Leiden, Kriegen, Seuchen, Unglücksfällen und Naturkatastrophen. Man sieht Kinder, die altern und sterben, oder herrliche Blumen, die welken. Ein weiterer Aspekt der zweiten Grundmatrix ist die entmenschlichte Welt der Automaten, Maschinen, Roboter und mechanischen Geräte.

 



3.    Grundmatrix nach Grof : Das Ringen um Tod und Wiedergeburt


Die  dritte Grundmatrix weist auf der biologischen Ebene einige Gemeinsamkeiten mit der zweiten Grundmatrix – z.B. anhaltende Uteruskontraktionen und das Gefühl von Beengtheit, Bedrängtheit und Erstickungsgefahr. Der Unterschied zu der zweiten Matrix äußert sich darin, dass der Mutterleibmund nun offen ist und den Fötus durch den Geburtskanal lässt. Der Kampf ums Überleben bekommt nun eine hoffnungsvolle Komponente, dass es ein Licht am Ende des Tunnels gibt.


Typisches Merkmal der dritten Grundmatrix ist die Atmosphäre des titanischen Kampfes, der katastrophale Dimensionen erreicht. Die schmerzhafte Spannung zwischen den polaren Energien, die miteinander in Konflikt stehen und sich zu entladen versuchen, wird gewaltig intensiviert. Die körperlichen Kennzeichen dieser Phase sind Sequenzen einer Hochspannung, Fokussierung von Energie und Spannung in einzelnen Körperteilen und explosionsartige Entladung. Zudem geht diese Grundmatrix mit biologischem Zorn und mit aktiver Aggression einher, die oft selbstzerstörerisch ist und nach Entladung schreit. Grof sieht in der dritten Grundmatrix die Wurzeln der menschlichen Gewalt.

Am Ende dieser Phase folgt die explosionsartige Befreiung: der Säugling wird befreit und nimmt den ersten Atemzug, was den Übergang zur vierten Grundmatrix darstellt.

 


Johra: Unio Mystica


4.    Grundmatrix nach Grof : Erfahrung von Tod und Wiedergeburt

Die vierte Grundmatrix ist der Höhepunkt des Kampfes im Geburtskanal, der Augenblick der Geburt selbst und die Zeit unmittelbar nach der Trennung der Verbindung durch die Nabelschnur. Die idealen Bedingungen im Mutterleib haben sich verschlechtert, die schützende und Sicherheit gebende Gestalt der Mutter ist nicht mehr immer anwesend.


Diese Phase hat die symbolische und spirituelle Dimension einer Wiedergeburt. Die Schmerzen und Qualen der zweiten und dritten Matrix gipfeln jetzt im „Ich-Tod“, der dramatisch und katastrophenartig erscheint. Wenn wir diese Grundmatrix in veränderten Bewusstseinszuständen wiedererleben, scheint die Welt zusammenzubrechen und wir verlieren alle bedeutungsvollen Bezugspunkte im Leben: geliebte Menschen, Hoffnungen, Träume, persönliche Leistungen.Im Bardo-Konzept des psychedelischen Handbuchs handelt es sich dabei um "Re-Entry Visions" und um die Integration der transpersonalen Reise zurück in den Alltag, was eine zentrale Problematik der psychedelischen Erfahrung darstellt. 

„ Die Erfahrung, sich vollständig zu ergeben, ist eine notwendige Vorbedingung dafür, Verbindung zu einer transpersonalen Quelle aufzunehmen“.
Grof

 

Mehr Info über die theoretische Basis der audiovisuellen Reise von TimeWaveZero TV kann in einem Workshop und bei einer visuellen Präsentation erfahren werden : siehe Inhalte des Workshops unten.

 

 

 

Vortrag Psychedelische Erfahrung

Universität Wien, 2012

Tina Stamatova


Inhalt:


1. Einführung zum psychedelischen Handbuch von Tim Leary, Richard Alpert und Ralph Metzner


2. Transpersonale Erfahrungen und die Archetypen-Lehre von Carl Gustav Jung


- Symbole und Archetypen der transpersonalen Erfahrung
- Wirkung von visuellen Symbolen auf das Bewusstsein in Hinblick auf Gehirnforschung und Neurowissenschaften (Landkarten des Bewusstseins)


- Jung über das tibetanische Totenbuch


3. Geburt und Wiedergeburt in der Psychotherapie: perinatale Grundmatrizen von Stanislav Grof


-  Psychologische Wichtigkeit der biologischen Geburt und Phasen der Geburtssequenz
-  Bardo-Thödol und die Grundmatrizen von Grof


4. Buddhismus und Psychologie


- Buddhismus und psychedelische Kunst
- Buddhismus als Basis für psychotherapeutische und psychedelische Sessions


5. Nahtod-Erfahrungen, Psychedelika, Parapsychologie und die Begegnung mit dem Tod aus wissenschaftlicher Sicht


6. Erweiterte zeitgemäße Auffassung von "Set und Setting" der psychedelischen Erfahrung


-  Lineare Kausalität, moderne Physik und Astrologie
-  Systematische Korrelationen zwischen erweiterten Bewusstseinszuständen
und den Archetypen von Planeten/ astrologischen Konstellationen
- Planetenschwingungen und kosmische Musik als zeitgemäße Settings für transzendentale Reisen


7.  Zukunfsperspektive: Transzendentale psychedelische Erfahrungen durch den Einsatz von audiovisuellen Medieninhalten


Presse und wissenschaftliche Resonanz




Auszug aus "Lesen als spirituelle Praxis der Gegenwart":
Prof. Baier, Institut für Religionswissenschaften an der Universität Wien

Can you pass the Bardo Test


Eine bemerkenswerte Neuauflage der lectio psychedelica stellte die externe Abschlussfeier des Welt Psychedelik Forums in Basel 2008 dar, die den Titel The Psychedelic Experience – „Can you pass the Bardo Test?“ trug. In einem insgesamt mehr als zwölf Stunden dauernden Event sorgten ausgewählte Musik-Lifeacts und DJ-Sets für die tanzbare musikalische Umsetzung der drei Phasen psychedelischer Erfahrung nach Psychedelic Experience, die außerdem durch Animationen mit verschiedenen Elementen (verschieden farbiges Licht, tibetische Thangkas, Landschaften etc.) dargestellt wurden. Dazu blendete man recht ausführliche Zitate aus Learys Buch als Schriftzüge zum Lesen ein.

Auf diese Weise wurde die lectio psychedelica zu einem multimedialen Ereignis erweitert – der Versuch, einen Klassiker der psychedelischen Bewegung in die zeitgenössische Techno-Kultur zu transponieren. Wie oft in der postsäkularen Gegenwart verwischen sich dabei die Grenzen zwischen Fest, künstlerischer Performance und religiösem Ritual. Allerdings ist das Konzept bei den über 35- jährigen Besuchern wesentlich besser angekommen als bei den Jungen, die einfach nur abtanzen wollten.  Die psychedelische Bewegung ist derzeit keine Jugendbewegung, wie sie es, wenn auch nur für kurze Zeit, einmal war. Leary hätte das Konzept sicher gefallen. Er tourte bereits mit sehr erfolgreichen multimedialen Performances durch die USA, bei denen seine Interpretation der LSD-Erfahrung zu einem Gesamtkunstwerk ausgestaltet wurde und die psychedelischen Lesungen mit Musik, gespielten Szenen und Filmen verbunden waren.

In der Clubbing-Variante tritt das Lesen der Texte gegenüber den anderen Elementen stärker in den Hintergrund als in Learys ursprünglicher lectio psychedelica, wo die Droge bzw. die durch sie hervorgerufene Befindlichkeit zwar das alles andere tragende Medium darstellten, aber die Lektüre des Handbuchs schon zur Vorbereitung der Sitzung eingesetzt wurde und dann die gesamte Trip-Erfahrung strukturieren sollte, während der Rest des Settings zwar eine Rolle spielte, aber bei Weitem nicht so wuchtig inszeniert wurde.

[...]

"Dem Totenbuch entsprechend werden drei Phasen der psychedelischen Erfahrung unterschieden. Die erste Periode (entsprechend dem chikhai bardo) ist „die der völligen Transzendenz, jenseits von Worten, Visionen, Raum-Zeit und Selbst. Es gibt nur reines Gewahrsein (pure awareness) und ekstatische Freiheit von allen Spiel-Verstrickungen.“ In diesem Zustand realisiert man die Leere, das Ungewordene, Ungeformte, Unsterbliche. Die zweite Phase (chonyid bardo) beinhaltet vor allem Halluzinationen verschiedenen Inhalts, aber auch eine ungewöhnlich klare Wahrnehmung der äußeren Wirklichkeit. Die letzte Phase (sidpa bardo) umfasst die Rückkehr zur alltäglichen Wirklichkeit und zur gewohnten Identität. In den Sitzungen soll den „Reisenden“ ermöglicht werden, die Transzendenz des ersten Bardo zu erfahren und sie erneut zu erlangen, wenn sie im raschen Wechsel der intensiven, veränderten Wahrnehmungen, Visionen und überwältigenden Gefühle, wie er unter LSD-Einfluss typisch ist, verloren gegangen ist. Lange Verirrungen in halluzinatorischen Zuständen und durch das Ego beherrschten Erfahrungsmustern sollen vermieden werden. Die zentrale Botschaft der Vorlese-Texte besteht darin, dass man in Bezug auf die verschiedenen, während der psychedelischen Sitzung auftretenden Phänomene weder Angst noch Begehren empfinden sollte. Die Lesungen leiten dazu an, alles, was erscheint, möglichst gelassen willkommen zu heißen und ruhig weiterzumeditieren in dem Bewusstsein, dass aus einem selbst kommt, was auch immer man an Ablenkendem und Beunruhigendem wahrnimmt."


Prof. Karl Baier, Institut für Religionswissenschaften
" Lesen als spirituelle Praxis der Gegenwart"

http://homepage.univie.ac.at/karl.baier/

 

 

Kontakt und Anfragen für das psychedelische Seminar:

Tina Stamatova (Time Wave Zero TV) :

info@timewavezero-productions.com

 







   Impressum   |   Mediadaten & Werbung   |   Kontakt   |   Newsletter