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Der alchemistische Stein der Weisen

By: Tina TimeWaveZero
Gepostet am 09.05.2012 in Alchemie, Entheogen Video

Video-Vortrag von Ralph Metzner

Alchemie, entstanden aus dem Schamanismus, ist die alte Kunst und Wissenschaft der elementaren Transformation. [...] Es ist ein weitverbreitetes Missverständnis, dass es in der Alchemie zumeist um die Verwandlung von unedlen Metallen in Gold ging. Tatsächlich war der zentrale Fokus der alchemistischen Praxis das Heilen und das, was wir heute Psychotherapie nennen: die Umwandlung der physischen und psychischen Beschaffenheit des menschlichen Wesens - beginnend bei sich selbst.

Alchemie, entstanden aus dem Schamanismus, ist die alte Kunst und Wissenschaft der elementaren Transformation. Der Religionshistoriker Mircea Elffade stellte in seinem Buch The Forge and the Crucible (1962) (»Schmiede und Alchemisten«, 1980) fest, dass die Alchemie historisch aus der Arbeit schamanistischer Bergleute, Schmiede und Metallungen erwuchs. Sie waren die Meister des Feuers, die wussten, wie man Metalle (wie Kupfer, Zinn, Eisen, Gold, Silber) aus dem Stein extrahiert, sie zu Legierungen wie Bronze vereinigt, Werkzeuge (wie Äxte, Hämmer oder Pflüge), Waffen (wie Speere, Schwerter, Dolche, Schilder) und Schmuck (wie Halsketten, Armbänder, Kronen, Ringe) daraus macht. In der archaischen und klassischen Periode war das Wissen über die Metallherstellung wegen ihres ersichtlichen engen Zusammenhangs mit Macht und Reichtum geheim gehalten und in den Handwerkergilden nur von Meister an Lehrling weitergegeben. Den gewöhnlichen Menschen erschienen diese Techniken als magisch, denn sie schienen mit einer unerklärlichen Meister¬schaft über die Naturgewalten verbunden. Das Handwerk des Mauerns, das mineralische Steine benutzte, und der Medizin, das mineralische und botanische Extrakte zum Heilen benutzt (sowohl als auch metallene Instrumente in der Chirurgie), waren ähnliche Geheimgesellschaften. Alle diese drei Bewegungen entwickelten esoterische oder innere Komponenten, die sich mit den Praktiken der psychischen und spirituellen Selbst-Transformation befassten.

Es ist ein weitverbreitetes Missverständnis, dass es in der Alchemie auschliesslich und hauptsächlich um die Verwandlung von unedlen Metallen in Gold gehen würde. Tatsächlich machen die alchemistischen Schriften aber klar, das der zentrale Fokus der alchemistischen Praxis das Heilen war und das, was wir heute Psychotherapie nennen: die Umwandlung der physischen und psychischen Beschaffenheit des menschlichen Wesens - beginnend bei sich selbst. Das Weltbild der archaischen und klassischen Zeit war holistisch - die physischen, psychischen, spirituellen und kosmischen Dimensionen des Lebens wurden in ihrer Ganzheit gesehen und nicht als separate Felder. Insofern kann die Alchemie als eine besondere Entwicklung der aus der Altsteinzeit stammenden schamanistischen Tradition des Heilens und der Transformation gesehen werden. Die Schamanen verfügten über spezialisierte Kenntnisse von Pflanzen und Mineralien einschliesslich der Kristalle und von dem geheimen Initiationswissens der spirituellen Dimension. Sie verhandelten für ihre Klienten mit den normalerweise unzugänglichen Geistern der Natur und der Ahnen.

Alchemisten arbeiteten wie die Schamanen mit Geistern, besonders mit den Geistern der Elemente (Luft, Feuer, Erde, Wasser) und bestimmten Gottheiten (Hephaestos bei den Griechen, Vulcanus bei den Römern), die als Führer und Lehrer der Bergleute und Schmiede galten. Der grosse alchemistische Meister des 16. Jahrhunderts, Paracelsus, identifizierte und benannte die mit den vier Elementen assoziierten Geister: die Geister der Luft wurden Elfen genannt, die Wassergeister Undinen, die Erdgeister Gno¬me und die Feuergeister Salamander. In der germanisch-nordischen Mythologie hatten die Geister des Steins, Metalls und Feuers den Namen Schwarzalben oder Zwerge. Ihre Heimat, ,
Schwarzalfheim genannt, war unterirdisch, in den Steinen, Felsen und Bergen. Wie die Rie¬sen, die Geister grosser natürlicher Gebiete wie Gebirgszüge, Wälder, Flüsse und Ströme, waren die Schwarzalben gegenüber den Menschen we¬der wohlmeinend noch übelwollend. Sie folgten ihrer eigenen Agenda und galten, was das Wohl¬ergehen und Überleben der Menschen betrifft, als neutral. Aber die Menschen konnten mit ih¬nen kommunizieren und von ihnen lernen, wenn sie die Zugangscode zu ihnen hatten. Deshalb sagte man den Menschen, die als Bergleute oder Schmiede arbeiteten und Waffen, Werkzeuge und Schmuck herstellten, nach, dass sie tatsäch¬lich von den Steingeistern, den Schwarzalben, inspiriert und belehrt wurden.

Die Mythen von Odin/Wotan, des Wissen suchenden Gottes der Schamanen und Krieger, erzählen, wie er die Welten durchwandert und Fragen stellt-an Götter, Göttinnen, Elfen, Riesen, Menschen und Zwergen und sogar an die Toten. Eines der Gedichte der Edda bezieht sich auf ein Gespräch zwischen dem Donnergott Thor und dem sehr klugen Zwerg Allwiss, dem »All¬wissenden«, der Thors Tochter heiraten möchte.
Thor, der den Freier seiner Tochter testen und entmutigen möchte, stellt ihm eine Reihe immer schwierigerer linguistischer Rätsel, die der kluge Zwerg alle erfolgreich löst, bis er vom Licht des Tages überwältigt wird. Mir scheint das mythi¬sche Bild der moralisch neutralen Geister des Metalls und des Steins suggestiv, vor allem im Hinblick auf die moralisch fragwürdige Natur vieler Technologien, die die moderne Wissenschaft auf der Erde entfesselt hat.

Wir können in diesen alten mythischen Vorstellungen das Verständnis des Prinzips sehen, nach dem das Wissen über natürliche Kräfte und Werkzeuge moralisch neutral ist: sie können für das Heilen und die Kreativität verwendet wer¬den, im Dienste des Göttlichen und des Lebens; aber wenn sie zur persönlichen Überhöhung, Herrschaft und Bereicherung auf Kosten ande¬rer verwendet werden, werden sie zu Zauberei, schwarzer Magie, zur »dunklen Seite«. Schama¬nen, Alchemisten, Zauberer und Hexen, moder¬ne Ärzte oder moderne Wissenschaftler, die mit ihrem Wissen und ihrer Macht, ihren Kenntnis¬sen der Geister der Natur, anderen dienen und sie heilen, tragen zum Wohlstand der Gemeinschaft und Gesellschaft bei. Diejenigen, die ihr Wissen und ihre Macht zur Anhäufung von Reichtum und Macht über andere benutzen, dienen nur sich selbst oder einer bestimmten Gruppe, nicht dem Ganzen.

Der Schamanismus der Altsteinzeit entwickel¬te die Kentnisse und die Methoden heilender Transformation durch den Zugang zu den verborgenen geistigen Kräften hinter oder innerhalb der sie umgebenden natürlichen Welt. Die ägyptischen und griechisch-römischen Zivilisationen setzten diese steinzeitlichen Praktiken und Wissenschaften fort und erweiterten sie, als empirisch überprüfte Technologien der physiopsychisch-spirituellen Transformation. In Indien mündeten diese transformativen Tätigkeiten von Schamanen und Alchemisten in der psycho-spirituellen Praxis des Yoga. In seinem Buch Yoga -Immortaliry and Freedom (1969) (Yoga, 1985) zeigte Mircea Eliade, dass Yoga sich mit Prak¬tiken beschäftigt, die das Bewusstsein von der Gebundenheit an die materielle Sinneswelt be¬freien; das wurde der Weg der Befreiung (mukti) genannt. Auch in der yogischen Heiltradition Indiens, die als Ayurveda bekannt ist, gibt es alchemistische Texte, die von der Nutzung medizinischer und psychoaktiver Pflanzen, mineralischer Substanzen oder Pilze behandeln. Ein zentrales Konzept des alchemistischen tantrischen Yoga war rasa, was "'so viel bedeutet wie »Essenz«, »Tinktur«, »Gefühl« und »Geschmack«. Dieser Zweig der Yogatradition wird rasayana genannt, »Der Weg (yana) der Essenz«.

Im chinesischen Taoismus ist die Alchemie ebenso bekannt. Hier ist sie ein integraler Bestandteil der taoistischen Vertiefung in Langlebigkeit (»Unsterblichkeit« genannt) und den Yogatechniken der Zirkulation sexueller Energien zur Regeneration. Es scheint, dass in den indischen und chinesischen Traditionen die physischen, psychischen und spirituellen Aspekte der tranformativen Arbeit mehr oder weniger verbunden blieben, obwohl einige Unterzweige sich mehr auf den einen oder den anderen Aspekt konzentrieren (z.B. hatha yoga auf den physischen, bhakti yoga auf den emotionalen Aspekt.) Im Westen liegt der Ursprung dieser alchemistischen Praktiken elementarer menschlicher Transformation in Ägypten, wurde in der klassischen Periode über die hellenistischen und arabischen Länder verbreitet und blühte bis ins Mittelalter im christlichen Europa.
Das Wort »Alchemie«, die Wurzel des Worts »Chemie«, kommt vom arabischen al-kimiya - »die Wissenschaft des Schwarzerde-Lands«. Kam, oder Kein, »Schwarze Erde«, war der Name der alten Ägypter für ihr Land und bezog sich auf die sehr fruchtbare schwarze Erde entlang des Nils nach den saisonalen Über¬schwemmungen. Das war das Land der Schwar¬zen Göttin (Nut, Isis oder Hathor), die sich zur Schwarzen Madonna der christlichen Zeit wan¬delte. Das Wort »Chemie« verweist also auf den ägyptischen Ursprung der Alchemie. In ihrer grössten Blüte verkörperte die alte ägyptische Zivilisation, die tatsächlich von einer noch äl¬teren atlantischen oder sogar ausser-irdischen Zivilisation gegründet worden sein könnte, eine vollkommen integrierte wissenschaftliche, religiöse und künstlerische Weltanschauung. In den Worten des berühmten Ägyptologen Schwaller de Lubicz war das eine heilige Wissenschaft.

In der hellenistischen Periode stieg der Gott Hermes, der bei den Ägyptern Thoth oder Djehuti und bei den Römern Mercurius hiess, zur Hauptgottheit und zum geistigen Führer der.al,chemistischen Transformationsarbeit auf. Thoth war der Wissenschaftler, Schreiber und Archivar unter den Göttern. Hermes/Merkur war der göttliche Bote, der für den Wissenstransfer zwischen göttlicher und der menschlichen Welt sorgte - Lind somit für die Praxis der Divination. Das Metall Mercur, auch Quecksilber genannt wegen seiner sehr beweglichen Lind flüssigen Eigenschaften, wurde symbolisch mit Bewusstsein oder Geist in Verbindung gebracht. Wie Quecksilber kann der menschliche Geist schwer fassbar hin und her gleiten und schlittern; aber ebenso auch in glänzender Brillanz leuchten. Zusätzlich zu dem Gott Hermes gab es noch einen legendären, sehr fortgeschrittenen menschlichen spirituellen Leh¬rer, der Hermes Trismegistos (»Dreifach Grosser Hermes«) genannt wurde. Die Bezeichnung »Dreifach Grosser« bezieht sich möglicherweise auf die drei Phasen der Manifestation dieses göttlichen Wesens - als Jugendlicher, als Mann und als Greis, analog zum mythischen Bild der Dreifachen Göttin als Mädchen, Mutter und Greisin. Dieser Hermes als Lehrer und Eingeweihter initiierte eine ganze Schule des Geheimwissens der Selbsttransformation, die das Herz der europäischen Alchemie bildete und als hermetische Tradition bekannt wurde. Ein Teil dieser Tradition beschäftigte sich mit der Transformation physischer Materie, dem Herstellen von Werkzeugen oder Medizin, sein esoterischer und mystischer Kern ist die Praxis der psychospirituellen Selbsttransformation. Die wichtigsten der Werkzeuge, einschliesslich der Tinkturen aus Pflanzen, Pilzen oder Mineralien sowie der passenden Instrumente, waren die, die zur Praxis der Bewusstseinstransformation beitrugen.

Die Geheimhaltung der Texte in diesem Bereich war so tiefgehend, dass der Begriff »hermetisch verschlossen« bis heute eine symbolische Bezeichnung für absolute Geheimhaltung darstellt. Die Lehren dieser Schule waren nicht willkürlich oder geheim, wie bisweilen angenommen wird, aus Gründen der Macht und Kontrolle. Vielmehr waren sie aus demselben Grund geheim, wie esoterische Praktiken von Yogis oder Schamanen geheim gehalten wurden, weil ihr von Gier oder Machtwille motivierter Missbrauch schlimme Konsequenzen haben kann. Später, während des europäischen Mittelalters, mussten diese Praktiken, wie die schamanistische Hexerei, wegen der verfolgenden Herrschaft der katholischen Kirche geheim gehalten werden. Wegen der grossen Gefahr der Verfolgung wurden Texte in symbolischem Code geschrieben und illustriert, der nur eingeweihten Studenten zugänglich gemacht und weitergegeben wurde. Doch im Lauf der Zeit gingen die Schlüssel dieser Codes grösstenteils verloren und die Texte wurden zunehmend entstellt und unverständlich.

Unter dem mehrere Jahrhunderte andauernden Druck des ideologischen Verfolgungseifers der katholischen Kirche teilte sich die hermetische Tradition in Europa im 16./17. Jahrhundert, dem Beginn des Paradigmas materialistischer Wissenschaft, im Wesentlichen in zwei Bereiche auf: der eine Zweig wurde das, was wir in der modernen Zeit »Chemie« nennen - präzise, experimentelle Erforschungen des transformatorischen Prozesses auf der molekularen Ebene, aber ohne Einbezie¬hung der möglichen Beziehung des molekularen Prozesses mit der Welt des Geistes und höheren Zuständen des Bewusstseins und des Wissens.

Dieser andere Teil der Tradition splitterte ab und wurde zum »Okkulten« (»Verborgenen«), wie wir es nennen. Ein ähnliches Schisma erleb¬te die alte holistische Wissenschaft der Astrolo¬gie, mit einem Zweig, der sich als wissenschaft¬liche Astronomie abteilte, und einem anderen, der als »Aberglauhe« in den kukturellen Unter¬grund verwiesen wurde. Es ist interessant, daran zu erinnern, dass zwei der Gründungsväter des wissenschaftlichen Weltbildes - Issac Newton und Johannes Kepler - ihrerseits ernsthafte Stu-denten dieser geheimen esoterischen Wissenschaften waren. Newton verbrachte 17 Jahre mit der Erforschung alchemistischer Texten und der Durchführung alchemistischer Experimente in seinem Labor, bevor er die Gesetze der Mechanik, die ihn berühmt machten, formulierte. Kepler lieferte wichtige Beiträge zur Astrolo¬gie, stellte für Prinzen und Regenten gelegentlich Horoskope und verfolgte seine Forschungen über die Himmelsbahnen der Planeten in dem Glauben an die grundlegenden »Harmonien des Kosmos« (so der Titel seines Hauptwerks.)

Es blieb C. G. Jung und seinen Nachfolgern im 20. Jahrhundert überlassen, die verlorene Sprache der Alchemie wiederzufinden und sie neu zu interpretieren, in ihrer Beziehung zur psycho¬spirituellen Transformation in symbolischen und imaginären Prozessen. Vier der etwa zwanzig Bücher von Jungs »Gesammelten Werken« sind essenzielle alchemistische Texte: Psychologie und Alchemie, Alchemische Studien, Aion und Mysterium Coniunctionis. In diesen Büchern interpretiert Jung das Opus oder Werk der Al¬chemie als Prozess der Individuation, die sich zur Ganzheit bewegt; das alchemistische Gefäss, oder Athanor, ist die Psyche, in der diese trans¬formativen Prozesse stattfinden. Aus meinen Studien des alchemistischen Yoga, der Arbeit mit Licht-Feuer-Energien, würde ich nur noch hinzufügen, dass das alchemische Gefäss auch in seinem Zusammenhang mit dem physischen Körper und dem subtilen Energie-Feld verstanden werden sollte, nicht allein als die mentalemotionale Psyche; mit anderen Worten, als die gesamte Reihe sich aufeinander beziehender Energiesysteme, aus denen das menschliche Wesen besteht. Die menschlichen Energiesysteme, die man sich auch als »Persönlichkeits-Systeme« vorstellen kann, sind das vielschichtige Gefäss, oder Behälter, die Körper oder Hüllen (koshas im Yoga) der unsterblichen Seele, des Geists, der Essenz.

Die esoterischen Lehren des Westens stimmen darin überein, dass es vier mittlere oder Persönlichkeitsebenen gibt, oder vier Körper von unterschiedlicher Dichte und Vibrationsfrequenz. Der physische Körper (in der Yogatradition die »aus Nahrung gemachte Hülle« genannt) ist der schwerste und dichteste; und nach der Reihenfolge der abnehmenden Dichte und der steigenden Schwingungsfrequenz sind die anderen »Körper« der wahrnehmende (oder ätherische), der emotionale (oder astrale oder psychische) und der mentale (oder noetische). »Über« der mentalen Ebene sind drei oder vier transpersonale Ebenen der Seele und des Geistes (»über« bezieht sich auf die Schwingungsrate, nicht auf den Raum). Rudolf Steiner spricht in diesem Zusammenhang von drei persönlichen Ebenen der Seele: Verstandesseele, Gefühlsseele, und Wahrnehmungsseele. In Jungs Psychologie sind diese Lehren in seine Typologie der vier Funktionen eingegangen: Denken, Fühlen, Intuition und Empfindung, die sich in Individuen unterschiedlichen Typs unterschiedlich entwickeln können.

Auch wenn die Bezeichnungen in verschiedenen esoterischen Texten variieren mögen, sind sie im allgemeinen in der Ansicht einig, dass diese vier Ebenen des menschlichen Wesens symbolisch verbunden sind und in harmonischer Resonanz mit den vier Elementen als Zuständen der Mate¬rie stehen. Das Element LUFT bezieht sich auf den Gaszustand der Materie, auf den Atem und das Atmen, und korrespondiert mit dem Mentalkörper und der Denkfunktion. Das Element WASSER bezieht sich auf Flüssigkeiten jeder Art, wie die Flüssigkeiten des Körpers (Wasser, Blut, Lymphe, Hormone) und korrespondiert mit dem Emotionalkörper und der Funktion des Fühlens. Das Element FEUER bezieht sich auf Energie und Strahlungen aller Art, die elektromagnetischen Energiefelder des menschlichen Nervensystems, und korrespondiert mit dem Wahrnehmungskörper und der Funktion der Intuition. Das Element ERDE bezieht sich auf alle festen Substanzen wie Fleisch und Knochen des physischen Körpers und korrespondiert mit der Funktion der Empfindung in der Jungschen Terminologie.
Ein kurze Überlegung lässt einen sehen, wie die gashaften, flüssigen, elektromagnetischen und festen Elemente des menschlichen Körpers, und die damit in symbolischer Resonanz stehenden Ebenen der Persönlichkeit, sich immer in verschiedenen Phasen des Ineinanderübergehens befinden. Gedanken lösen Gefühle aus, Wahrnehmungen stiften Gedanken und Verhalten an und so weiter - wie sich Feststoffe in Flüssigkeiten lösen (die alchemistische solutio) oder Flüssigkeiten zu fester Materie werden (das alchemistische coagulatio). Die bewusste Teilnahme an diesen elementaren Transformationen mit dem Ziel eines gesünderen, harmonischeren und integrierteren Funktionierens ist also die alchemistische spirituelle Praxis, das Opus. Eine traditionelle Definition des alchemistischen Opus ist die, dass es sich hier um eine Vermählung des Subtilen und des Dichten handelt: die Integration der subtilen spirituellen Energien mit dem materiellen Körper, der dichtesten Form. Auch das alchemistische Motto solve et coagula kann in diesen Begriffen verstanden werden: wir sollten die verhärteten Abwehrstrukturen (des Körpers, der Wahrnehmung, des Gefühls und des Denkens) auflösen, so dass der Geist, die Essenz, befreit werden kann; und wir sollen die Energieflüsse der subtilen Hochfrequenz-Dimensionen in den materiellen Körper gerinnen lassen, ein Prozess, der auch als Verkörperung bezeichnet wird.

Wenn man die Spuren der Alchemie zur schamanistischen Wissenssuche zurückverfolgt, taucht die Frage auf, was mit dem Verständnis und der Praxis veränderter Bewusstseinszustände geschehen ist - die »schamanische Reise«, um Heilwissen und Macht zu erwerben, die der zentrale technische Prozess des Schamanismus ist. Wir müssen uns daran erinnern, dass die schamanischen Praktiken aus den Gesellschaften von Jägern und Sammlern erwuchsen, besonders unter Jägern, die in engem Kontakt mit Tieren standen. Die Geister der Tiere, sowohl solche, die gejagt werden, und die jagenden Raubtiere werden von Schamanen als Verbündete oder Krafttiere angesehen. Deshalb ist die »Reise« - auf einem Tier reitend oder in ein Tier ver¬wandelt - die natürliche Metapher für die innere Suche nach Erkenntnis oder Heilung, im klaren Trancezustand.
Solche schamanistischen Reisen werden typischerweise durch rhythmisches Trommeln erzeugt, wie in Sibirien oder bei anderen Stammesgesellschaften der nördlichen Hemi-sphäre, oder durch die Einnahme psychoaktiver Pflanzenextrakte, die von rhythmischen Gesängen begleitet werden, wie bei den Zeremonien mit Peyote, Psilocybin-Pilz oder Ayahuasca.

Die ersten Alchemisten dagegen waren Hand¬werker (sie nannten sich selbst auch Künstler) im Bergbau oder im Schmieden und lebten in Dörfern oder Städten. Sie waren ausserdem Heilpraktiker, die Mineralien, Kräuter und Pilze benutzten. Ihr bevorzugter Begriff für ihre Arbeit der Selbst-Transformation war deshalb »Opus« - das »Werk« oder die »Kunst«. Ihr Interesse lag auf der lang andauernden Transformation der Gesamtheit des menschlichen Wesens. Die verschiedenen Operationen des alchemistischen Werks sind Metaphern für den bewussten Prozess der Selbst-Transformation auf der kognitiven, emotionalen und Wahrnehmungs- und körperlichen Ebene. Zum Beispiel die solutio genannte Operation wird in der alchemistischen Literatur durch einen Mann in einem heissen Badezuber dargestellt, das ist eine Metapher für das Auflösen der physio-psychischen Panzerungen und der defensiven Strukturen, die das Fliessen der Lebensenergie entstellen und behindern. Die Reinigung von Substanzen mit Feuer oder Hitze (purificatio genannt) ist die Metapher für die Verfeinerung des Denkens und der Wahrnehmung mittels der Methoden des yogischen »inneren Feuers«. Die Operation, genannt separatio, war der analytische Prozess, komplexe Figuren in ihre Einzelbestandteile zu trennen. C. G. Jung pflegte zu sagen, dass wir [ins mit dem Inhalt des Unbewussten auseinan¬dersetzen müssen - das ist also das separatio. Die Operation der coniunctio, der Vereinigung von Sonne und Mond, König und Königin, dem Jung sein umfangreichstes Buch widmete, ist die Metapher für die Integration der männlichen und weiblichen Energien, animus und anima, inner¬halb der Psyche. Der Jungsche Psychotherapeut Edward Edinger bietet in seinem Buch Anatomy of the Psyche (1985) einsichtsreiche psychologische Interpretationen und symbolische Ausarbeitungen dieser und anderer alchemistischer Operationen an, darunter calcinatio, coagulatio, mortificatio, purificatio, solutio, sublimatio, separatio und conuinctio.

Es ist das grosse Verdienst von Jungs Werk, die alchemistische Weisheit von ihrem Untergrundstatus als verachteter Aberglaube rehabilitiert und sie als bevorzugte symbolische Sprache der analytischen Tiefenpsychologie reformuliert zu haben. Jungs Schriften zielten darauf, die Realität psychologischer Phänomene und Prozesse zu begründen, gegen die ausschliessenden Wahrheitsbehauptungen der materialistischen und be¬havioristischen Psychologie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine Psychologie öffnete auch den Raum für die Akzeptanz und Einbezie¬hung religiöser Bildwelten, die des Ostens und die des Westens, einschliesslich Yoga, Buddhismus und des chinesischen Taoismus.

Es blieb einem anderen Schweizer Wissenschaft¬ler des 20. Jahrhunderts, Albert Hofmann (einem Basler, während Jung ein Zürcher war), überlas¬sen, die Psychologie wieder mit dem materiellen Element der holistischen alchemistischen Tradi¬tion zu verbinden. Mit der Entdeckung psychoaktiver oder psychedelischer (»geist-offenbarender«) Drogen - oder vielleicht sollten wir besser Wieder-Entdeckung sagen, da es belegt ist, dass
sie schon in alter Zeit bekannt waren - hat sich für die westliche Tradition des heilenden und spirituellen Wissens wieder der volle Kreis geschlossen, nach den Umwegen durch das theokratische Dogma und die reduktionistische Wissenschaft. Ziel und Praxis der hermetischen alchemistischen Tradition ist, nach wie vor, die vollständige Transformation des Individuums, der physischen, wahrnehmenden, emotionalen, mentalen und spirituellen Aspekte, in eine integrierte Ganzheit. Jung nannte diesen Prozess Individuation - das Werden eines ungeteilten ganzen Selbst. Die symbolische Sprache der mittelalterlichen Alchemisten nannte diesen Prozess die Suche nach dem Stein der Weisen, dem lapis philosophorum.

Um die Bedeutung psychedelischer Substanzen für die alchemistische Arbeit ganzheitlicher Selbst-Transformation zu verstehen, müssen wir uns nur an die Forschungsstudien erinnern, in denen die erleichternde Wirkung dieser Substanzen gezeigt wurde, bei a) Psychotherapie neurotischer, psychosomatischer und suchtbedingter Krankheiten; b) Kreativität und Problemlösungen; sowie c) dem Wachsen spirituellen Bewusstseins; und d) mystischen und religiösen Visionen. Das Konzept der »psycholytischen Therapie« basiert wie die Psychoanalyse auf den alchemistischen Operationen von separatio und solutio; der Prozess - ob von psychoaktiven Substanzen verstärkt oder nicht - besteht im Auseinandernehmen von Komplexen in ihre konstituierenden Elemente (Gedanken, Gefühle, Empfindungen etc.) und in der Auflösung von angelernten Abwehrstrukturen.
Psychedelische Substanzen werden auch »bewusstseinserweiternd« oder »achtsamkeitsverstärkend« genannt: das bedeutet, dass die normalerweise subtilen Warhnehmungen innerer Zustände und energetische Phänomene äusserer Erscheinungen wie Auras oder Energiefelder stark erhöht und belebt werden können und Klarheit und Einsichten bescheren. Psychedelische Erfahrungen fördern eine Erweiterung unseres Identitätsgefühl über die üblichen Grenzen des Körper-Selbst hinaus, zu einem unanfechtbaren Wissen unserer Identität als spirituelle Wesen.

Zu der tiefen Bedeutung der psychedelischen Erfahrung kommt hier die Bestätigung des Lebens nach dem Tod, die Natur der Seele und die Mysterien der Inkarnation. Die psychedelische Wahrnehmung kann sich ebenso nach aussen erweitern, mit ausserordentlich verstärktem Sinn für unsere Verbundenheit mit allen Lebensformen in diesem grossen ökologischen Gewebe des Lebens - und in den grösseren Kosmos, jenseits unserer gewohnten, erd-zentrierten Perspektive. Wir können zu der Einsicht kommen, dass wir multi-dimensionale kosmische Wesen aus Licht sind.

Die Verbindung zwischen Psychedelika und den schamanistischen und yogischen Traditionen der Bewusstseins-Transformation sind ebenso deutlich. Albert Hofmanns Identifizierung des psychoaktiven Prinzips der visionären Pilze, und seine Zusammenarbeit mit R. Gordon Wasson und der mazatekischen Schamanin Maria Sabina, sorgten für die entscheidende Wieder-Verbindung mit fast vergessenen schamanistischen Traditionen im Gebrauch biologischer Substanzen bei der Suche nach Heilung und Wissen. Seine Arbeit an der Identifizierung des Geheimnisses der eleusischen Mysterienreligion stellte die Ver-bindung mit der tiefsten spirituellen Weisheitstradition der alten klassischen Welt wieder her. Zahlreiche Zeugen aus der Praxis des Yoga und der Meditation haben bestätigt, dass die psychophysiologischen Praktiken des Yoga, besonders des tantrischen Yoga, und der Essenz-Weg des rasayana, durch den angemessenen und sorgsamen Einsatz psychedelischer Substanzen erheblich erleichtert und verstärkt werden kann.
Ich will allerdings hier darauf hinweisen, dass Drogen nicht automatisch für heilende, therapeutische oder mystische Effekte sorgen - dies ist nicht eine Sache der Pharmakologie. Bewusstseins-Werkzeuge können, wie jedes Werkzeug, falsch verwendet und missbraucht werden. Doch wenn eine spirituelle Orientierung und Intention gegeben ist, können sie benutzt werden, um die Heilung, die psychotherapeutischen, kreativen und meditativen Prozesse in der Praxis des Schamanismus, des Yoga und der Alchemie - und ebenso in der komplementären Medizin und Therapie - zu verstärken, zu katalysieren und zu erleichtern.

Was ist denn nun der Stein der Weisen und in welcher Beziehung steht er zu psychedelischen, mystischen Visionserfahrungen?

Erstens: Stein ist Materie aus dem mineralischen Reich der Natur, das ursprüngliche Substrat oder der Grund allen Lebens und deshalb des Bewusstseins. Wir sind auf der molekularen Ebene mit diesem mineralischen Reich verbunden, denn gewisse Bestandteile unseres Körpers und unserer Nahrung sind mineralische Elemente. Die molekulare Ebene der Realität und des Bewusstseins ist grundlegender als die Ebene des zellularen Lebens. Man könnte sagen, dass Wahrnehmung, die auf dem molekularen Level begründet ist, wirklich begründet ist. Vielleicht kann man hier die Bedeutung des Begriffs »to be stoned« erkennen, der oft benutzt wird, um den psychedelischen Zustand zu beschreiben. Darüber hinaus nehmen psychedelische Drogen und körpereigene Neurotransmitter, die Visionen und Träume im Gehirn auslösen, wie DMT, die Form eines reinen, kristallisierten Minerals oder Pflanzenextrakts an.

Zweitens: der lapis wird ebenso als flüssig beschrieben, wie Wasser oder eine Essenz oder Tinktur, oder als Wunderheilmittel, oder als Kombination von Stein und Wasser. Ein alchemistischer Text des 17. Jahrhunderts trägt den Titel The Sophic Hydrolith. Dieser »Wasserstein der Weisen« deutet auf einer symbolischen Ebene an, dass der psychedelische, visionäre Zustand des Bewusstseins voll in der materiellen Realität geerdet und gleichzeitig flüssig, nicht anhaftend, fliessend ist, wie der alte chinesische Weg des Tao, der Weg des Wasserlaufs.

Drittens: es wird gesagt, dass der Stein überall ist in der äusseren Realität um uns herum. »Unser Stein wird in allen Bergen gefunden, in allen Bäumen, allen Kräutern und Tieren und in allen menschlichen Wesen. Er trägt viele verschiedene Farben, enthält die vier Elemente und wird als Mikrokosmos bezeichnet«, sagt ein Text aus dem 16. Jahrhundert, Glory of the World. »Dieser Stein ist unter dir, neben dir, über dir und hinter dir« heisst es in einem anderen Text. Dies erinnert an einen Ausspruch von Jesus im gnostischen Thomas-Evangelium: »Das Königreich des Himmels ist über die Erde verstreut und die Menschen sehen es nicht ... Das Königreich ist in dir, und es ist ausserhalb von dir.«

Viertens: und doch nicht deutlich und offensichtlich. »Unsere Substanz ist offen vor aller Augen ausgebreitet, und doch ist sie nicht bekannt« heisst es in einem Text mit dem Titel The New Chemical Light. »Gelehrte Doktoren haben es täglich vor ihren Augen aber sie verstehen es nicht, weil sie nie daran teilnehmen.« (The Glory of the World.) Diese Sprüche deuten die flüssige Undefinierbarkeit und Innerlichkeit dieses Wasser-Stein-Bewusstseins an - es ist vollkommen eine Funktion seiner Einstellung und der Perspektive, die wir auf Dinge nehmen, also nicht etwas, auf das man jemand anderen hinweisen kann. »Die Augen haben zu sehen, werden sehen«

Fünftens: der Stein ist innen. »Dieses Ding ist aus dir extrahiert, du bist sein Erz; ... und wenn du dies erfahren hast, werden die Liebe und das Streben nach ihm in dir wachsen.« (Morienus.) Die Erfahrung ist eine innere Erfahrung, die aus dem Kern deines Wesens aufsteigt, entweder spontan oder katalysiert durch externe kristalline Substanzen. Es ist ein Zustand weisen Bewusstseins, der nur in der direkten persönlichen Erfahrung verstehbar ist. »Wir können irgendwelche Zweifel nicht besser erledigen als durch das Experiment, und es gibt keinen besseren Weg, als es selbst zu tun« (Gerhard Dorn). Mein Lehrer Russell Schofield sagte mir einmal: »Der Stein der Weisen ist kein magisches Objekt, sondern es ist der grossartige Zustand, durch das Erreichen der Objektivität ausgelöst.« Der Stein ist die Fähigkeit, objektiv gegenüber den Tatsachen zu sein, die »harten Fakten« einer gegebenen Situation wahrzunehmen und zu verstehen, ohne Illusionen oder Verzerrungen. Objektiv zu wissen heisst mit Sicherheit zu wissen, dass man weiss. So wie im Bergbau, wo der kostbare Stein erst
von dem ihn umgebenden Erz getrennt werden muss, so muss die kostbare Essenz der Wahrheit getrennt werden von überlagernden Illusionen und Verzerrungen.

Sechstens: der Stein ist die Frucht der inneren Union oder coniunctio von Sonne und Mond. »Dieses Kind zweier Eltern, der Elemente und des Himmels, trägt in sich selbst eine Natur, in der das Potenzial und die Wirklichkeit beider Eltern gefunden werden kann.« (Gerhard Dorn.) »Die Sonne ist der Vater, der Mond die Mutter, der Wind trägt es in seinem Schoss, und es wird gestillt von der Erde.« (Hermes Trismegistos.) Sonne und Mond, oder König und Königin sind durchgehende alchemistische Symbole für die grundlegende yin/yang, dynamisch/rezeptive, elektrisch/magnetische Polarität der menschlichen Persönlichkeit und Körper als Energiesysteme. Ihre Integration in der alchemistischen Transformation wird metaphorisch als innere Heirat, oder königliche Vermählung, porträtiert. In Jungschen Begriffen wäre dies die Integration des männlichen animus mit der weiblichen ani¬ma der Psyche. Die metaphorische Beschreibung dieses zentralen inneren Prozesses als sexuelle Vereinigung von Mann und Frau finden wir auch in der Ikonographie der hinduistischen und bud¬dhistischen Tantras und im chinesischen Taois-mus. Der Weisheitsstein soll Kind oder Ergebnis dieser inneren Vereinigung sein, d.h. das Ergebnis der fortgesetzten Praxis, die Behinderungen dieser inneren Vereinigung zu beseitigen. Die alchemistische Arbeit ist auch oft als Hochzeit von Feuer und Wasser beschrieben worden. FEUER und LUFT werden als männlich angenommen, weil ihre Energien nach oben steigen und sich nach aussen zerstreuen; WASSER und ERDE sind weiblich, weil ihre Energien nach unten sinken und sich innen versammeln.

Siebtens: der Stein beinhaltet alle vier Elemente. »Er wird perfekt genannt, weil er in sich die Natur der Mineralien, der Pflanzen und der Tiere trägt. Er ist dreifach und einer, er hat vier Naturen« (Hortulanus). »Er erleuchtet alle Körper, denn er ist das Licht des Lichts, und ihre Tinktur« (Geber). »Wenn die reinen und essenziellen Elemente in einem liebenden Gleichgewicht ver¬einigt sind, sind sie untrennbar und unsterblich, wie der menschliche Körper im Paradies« heisst es in dem Text The New Chemical Light. Das bedeutet, dass der Zustand eines erleuchteten weisen Bewusstseins das integrierte Zusammenwirken aller vier Ebenen des Bewusstseins einbezieht - die mental-denkenden, die emotional-fühlenden, die wahrnehmungsmässig-intuitiven Ebenen und die physikalisch-empfindende Ebene - ebenso wie Seele und Geist. Die Alchemisten sagen auch, dass dieses integrierte Wirken dieser vier elementaren Prozesse eine fünfte Essenz (quintessentia) produziert. Jung sprach von einer fünften Funktion als transzendente Funktion. Ich würde eher sagen, dass es sich um eine transformative Funktion handelt. Aus dem legendären Smaragden Tablett, einem Text der Hermes Trismegistos zugeschrieben wird, er¬fahren wir, dass dieser transformative EssenzStein der Nachwuchs der Heirat von Sonne und Mond ist (»Die Sonne ist der Vater, der Mond die Mutter«). Es wurde empfangen und getragen von Element der LUFT (»Der Wind trägt es in seinem Schoss.«), d.h. zuerst also vom Verstand; - und dann vom physikalischen Erdkörper genährt. (»Und es wird gestillt von der Erde.«)

Letztens: der Stein der Weisen ist etwas überaus Kostbares und Aussergewöhnliches. Der Text genannt Wasserstein der Weisen nennt ihn. »Der aller älteste, geheimste, natürlichste, unvergleichbare, himmlische, gesegnete, glückselige und dreifache, universale Stein der Weisen.« Ähnlich überschwängliches Lob auf diesen seltenen und kostbaren Zustand sind über die gesamte alchemistische Literatur des europäischen Mittelalters verstreut. Ich denke, es wäre keine Übertreibung zu sagen, das nahezu jeder, der jemals die volle visionäre Öffnung erfahren hat, die LSD und andere psychedelische Substanzen unter günstigen Umständen bewirken, diesen Aussagen zustimmen würde. Für mich selbst würde ich sagen, dass meine erste psychede¬lische Erfahrung, die ich 1961 mit Psilocybin machte, einer der zwei tiefgehendsten Wendepunkte in meinem Leben war - nach dem sich alles in meinem Leben änderte. Bis jetzt vergeht kaum ein Monat, einschliesslich bei der Arbeit an dieser Schrift, in dem ich nicht eine ähnliche Einschätzung von irgendjemandem höre, was ihre erste und manchmal einzige, psychedelische Erfahrung betrifft.

Ich möchte diese Beschreibungen der wundersamen Eigenschaften des Steins der Weisen abschliessen, indem ich sie mit Albert Hofmanns Geschichte seiner Entdeckung des LSD verbinde. Sie alle werden diese Geschichte kennen und ich will nur kurz einige ihrer merkwürdigen Aspekte erwähnen, die auf eine Art göttlich inspiriertes Ereignis deuten. Da ist der hoch bedeutsame Zeitpunkt dieser Entdeckung - auf dem Höhepunkt des 2. Weltkriegs, wenige Monate nach Enrico Fermis erster kontrollierter nuklearer Kettenreaktion, die unmittelbar zum Bau der Atombombe führte; als sollte es eine Art psychospirituelles Gegenmittel zu dieser Todeswaffe sein. Und dann die extreme Unwahrscheinlichkeit, dass ein Chemiker in einem Schweizer pharmazeutischen Labor so ungenügende technische Ausstattung hat, dass er zufällig eine Chemikalie über die Haut absorbiert?! Aber was mich am meisten fasziniert an dieser Geschichte ist, wie Albert erkannte, dass die Erfahrung die er hatte, von einer physikalischen Substanz aus¬gelöst war - was ihn zurück ins Labor führte, um es auszutesten.

Obwohl die tiefgehenden bewusstseinsverändernden Effekte des Meskalins, das aus dem Peyote-Kaktus gewonnen wird, bekannt waren und Kurt Beringer an der Universität Heidelberg in den 1920er Jahren Studien über Meskalin publiziert hatte, kannte Hofmann diese Arbeiten damals noch nicht, wie er mir erzählte. Sein Fachgebiet war die pharmazeutische Chemie der Mutterkorn-Alkaloiden. In seiner Antwort auf meine Frage, woher er wusste, dass er eine Substanz eingenommen haben musste, bezog er sich auf die Geschichte seiner Kindheitserfahrung des Einsseins und Allumfassenden der natürlichen Welt. In seinem Büchern und Vorträgen hat er diese visionäre Erfahrung beschrieben:
» Während ich durch den frisch ergrünten, von Morgensonne durchstrahlten und von Vogelgesang erfüllten Wald dahinschlenderte, erschien auf einmal alles in einem ungewöhnlich klaren Licht. Hatte ich vorher nie richtig geschaut, sah ich erst jetzt plötzlich den Frühlingswald wie er wirklich war? Er erstrahlte im Glanz einer eigenartig zu Herzen gehenden, sprechenden Schönheit, als ob er mich einbeziehen wollte in seine Herrlichkeit. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl der Zugehörigkeit und seligen Geborgenheit durchströmte mich.«

Sie werden hier dieselbe Sprache und Bilder bemerken, die auch die Alchemisten bei ihrer Beschreibung des Steins der Weisen benutzten. Als Kind dachte er, dass er niemals fähig sein würde, diese Erfahrung durch Worte oder Bilder oder Musik auszudrücken oder erzählen zu können; er widmete sein Leben stattdessen der Erforschung der materiellen Welt - und wurde Chemiker. An diesem Tag im April 1943 erkannte er, dass die Wahrnehmung einer allumfassenden Ganzheit und Zugehörigkeit zur Natur in ihm durch eine materielle natürliche Substanz ausgelöst wor¬den sein musste. Diese und weitere Erfahrun¬gen mit LSD und Psilocybin führten ihn zu dem Schluss, dass bestimmte Substanzen psychoak¬tiver Pflanzen unter bestimmten Bedingungen ähnliche Erfahrungen auslösen können wie diese spontane, natürliche mystische Vision

Ich will eine letzte interessante Synchronizität zwischen Hofmanns Arbeit und den Lehren der alchemistischen Philosophen erwähnen. Wie oben erwähnt sprachen die Alchemisten davon, dass das »stein-weise« Bewusstsein ein Kind der inneren Vereinigung von Sonne und Mond sei, was ich als Integration der dynamisch/rezeptiven Polarität menschlicher Energiesysteme übersetzt habe. In Hofmanns philosophischen Schriften hat er eine Theorie formuliert, die er das Sender-Empfänger-Modell der Realität nennt. Ich zitiere aus dem wunderbaren kleinen Schatz seines Buchs »Einsichten Ausblicke«.¬

» Was wir Wirklichkeit nennen, entsteht durch die Interaktion zwischen dem inneren und dem äusseren Raum ... Sie (die Wirklichkeit) ist das Produkt eines Senders im äusseren Raum und eines Empfängers im inneren Raum ... Was wir Wirklichkeit nennen, ist das Produkt der wechselsei¬tigen Interaktion materieller und energetischer Signale, die von der äusseren Welt ausgesandt werden und dem bewussten lebenden Selbst in der inneren Welt des menschlichen Wesens.«

Man könnte dies als eine philosophische Aussage oder Ausdruck des inneren Wissens über die coniunctio ansehen, die aus seinen psychedelischen Erfahrungen gewachsen ist.

Zum Schluss: Ich sage nicht, das LSD oder irgendein anderes psychoaktives Molekül der legendäre Stein der Weisen ist. Was ich sage, ist: Durch die Entdeckung psychedelischer Substanzen und besonders des LSD (mit seiner extremen Potenz) und mit seinem unmittelbaren Erkennen dessen spiritueller Bedeutung hat Albert Hofmann den abgerissenen Faden der alchemistischen Weisheitstradition des Westens wieder zusammengefügt. Durch seine veröffentlichten Beiträge zur wissenschaftlichen Chemie und Medizin, zu der Zeit und an dem Ort, an dem er sich fand, lieferte er allen gegenwärtigen und künftigen Suchern ein wundervolles Hilfsmittel für die Suche nach dem kostbaren Wasser-Stein der Weisheit und einen Schlüssel zur erlösenden Selbsterkenntnis. Dafür verneige ich mich vor Albert Hofmann, aus den Tiefen meiner Seele, in tiefster Dankbarkeit.


Alchemie und der Stein der Weisen, Vortrag am Internationalen Symposium zum 100. Geburtstag von Albert Hofmann, Basel, 13.1.2006


Dr. Ralph Metzner ist Psychologe, Therapeut und Autor. In den 60er Jahren assitierte er Timothy Leary bei der LSD-Forschung an der Harvard-Universität als Assistent und schrieb mit ihm und Richard Alpert »The Psychedelic Experience« (1964). Zuletzt erschien auf Deutsch von ihm »Das Mystische Grün« (2000).


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